Der Tunnel

Warum hat die Harzer Schmalspurbahn nur einen einzigen Tunnel? Ein Blick hinter den Thumkuhlenkopf

Wer im Harz mit den nostalgischen Dampfzügen der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) unterwegs ist, genießt meist weite Ausblicke, dichte Nadelwälder und romantische Täler. Doch auf dem Streckenabschnitt der Harzquerbahn zwischen den Bahnhöfen Steinerne Renne und Drei-Annen-Hohne wird es plötzlich duster: Der Zug taucht für wenige Sekunden in völlige Dunkelheit ein, untermalt vom echoing Poltern der Dampflok.

Es ist ein besonderer Moment, denn dieser Tunnel ist ein echtes Unikat: Auf dem gesamten, rund 140 Kilometer langen Streckennetz der HSB gibt es nur diesen einen Tunnel.

Doch wo genau liegt das Bauwerk, welche Fakten stecken dahinter – und warum wurde es überhaupt gebaut?

Fakten zum Thumkuhlenkopftunnel

Offiziell hört das Bauwerk auf den Namen Thumkuhlenkopftunnel (in Wanderführern und Volksmund oft auch Drängetaltunnel genannt).

  • Länge: 58 Meter

  • Lage: Streckenkilometer 13,8 unter dem Kleinen Thumkuhlenkopf

  • Höhe: Ca. 400 m ü. NHN

  • Baujahr: 1898

  • Erbauer: Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft (NWE)

Mit seinen 58 Metern gehört er zwar nicht zu den Riesen unter den Eisenbahntunneln, doch seine Lage direkt oberhalb des geschichtsträchtigen Thumkuhlentals macht ihn zu einem Highlight für Eisenbahnfans und Wanderer gleichermaßen.

Die große Streitfrage: Technische Notwendigkeit oder cleveres Marketing?

Über den tatsächlichen Grund für den Tunnelbau scheiden sich seit der Eröffnung vor über 120 Jahren die Geister. Unter Eisenbahnhistorikern und Harz-Kennern stehen sich zwei spannende Theorien gegenüber:

1. Die Ingenieurs-Perspektive: Reine Geologie und Trassierung

Verlässt der Zug den Bahnhof Steinerne Renne, schraubt er sich stetig bergauf. Um ohne Zahnstange (im reinen Adhäsionsbetrieb) die Höhenmeter nach Drei Annen Hohne zu bewältigen, durfte die Steigung maximal 33 Promille betragen.

An dieser Stelle musste die Trasse vom Holtemmetal hinüber ins Drängetal geführt werden – im Weg stand jedoch ein massiver Felssporn aus brüchigem Gestein.

  • Zu enge Radien vermeiden: Eine Umfahrung der Felsnase an der Außenseite hätte extrem enge Kurven erfordert, die für Züge kaum befahrbar gewesen wären.

  • Schutz vor Hangrutschen: Ein tiefer offener Einschnitt im Fels wäre durch das brüchige Gestein extrem anfällig für Steinschlag und Rutschungen gewesen. Der Tunnel war somit die sicherste Lösung.

2. Die Tourismus-Perspektive: Ein „Show-Tunnel“ für den Nervenkitzel

Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten immer mehr Städter den Harz als Urlaubsziel. Die Erbauer der Bahn – die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft (NWE) – wollten von Anfang an nicht nur Güter wie Holz und Stein transportieren, sondern gezielt Touristen anlocken.

  • Der Zeitgeist der Gründerzeit: Um 1900 galt ein Tunnel als Symbol für den Sieg der modernen Technik über die Natur.

  • Das Spektakel der Dunkelheit: Das kurze Eintreten in die Finsternis, begleitet vom Dampf und Rauch der Lokomotive, war für die Ausflügler ein riesiges Abenteuer und ein fester Programmpunkt jeder Harzfahrt.

Kritiker argumentierten damals, dass ein Felseinschnitt mit etwas mehr Erdbewegung machbar und im Unterhalt günstiger gewesen wäre. Hat man also extra tief in die Tasche gegriffen, um Fahrgästen eine Attraktion zu bieten?

Die wahrscheinlichste Antwort: Es war das Beste aus beiden Welten. Der Tunnel bot technisch die meiste Sicherheit an der kniffligen Felsnase und ließ sich gleichzeitig hervorragend vermarkten.

Ausflugstipp: So erreichst du den Tunnel hautnah

Wer den Tunnel nicht nur vom Zugfenster aus sehen möchte, kann das Bauwerk perfekt in eine Wanderung einbinden.

  1. Der Bahnparallelweg: Vom Bahnhof / Haltepunkt Steinerne Renne führt ein malerischer Weg parallel zur Gleistrasse steil bergan bis kurz vor Drei Annen Hohne.

  2. Der Aussichtspunkt: Direkt oberhalb des Tunnelportals gibt es eine kleine Aussichtsplattform auf dem Felsen. Wenn der Dampfzug aus dem Tunnel bricht, bietet sich hier ein fantastisches Fotomotiv.

  3. Kombination mit Bergbaugeschichte: Das Thumkuhlental bietet zudem den Bergbaulehrpfad, der an alten Schächten und Zechen (wie der „Schwarzen Crux“) vorbeiführt.

Was meint ihr?

Seid ihr schon einmal mit der Harzquerbahn durch den Tunnel gefahren oder habt ihn erwandert? Glaubt ihr an die technische Notwendigkeit oder war es doch eher ein geschickter Schachzug für den Tourismus? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

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